Abschalten ist gar nicht so einfach

„Auf und davon“, verspricht der Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) auf seiner Webseite. „Statt an den Schreibtisch gefesselt zu sein, sind Sie auch unterwegs immer auf dem neuesten Stand. Ihr Telefon, Ihren Tagesplaner, Ihren Posteingang, Ihren Browser: Sie haben immer alles dabei.“ Kurz: Ein Blackberry, das ist die grenzenlose Freiheit. Mit Hilfe der Blackberry-Technik empfängt man unterwegs nicht nur Anrufe und SMSNachrichten, unmittelbar nachdem sie gesendet wurden, sondern auch EMails. Sobald die elektronische Post auf dem RIM-Server in England eingeht, wird sie direkt auf das Mobiltelefon weitergeleitet.

„Auf und davon“? Das hört sich eher so an, als ob man künftig auch noch von seinen E-Mails auf Schritt und Tritt verfolgt würde.  „Nehmen Sie Ihr Blackberry-Gerät zum Essen mit“, rät der Hersteller weiter. „Mit seiner außergewöhnlich langen Akkulaufzeit ist das Gerät so lange aktiv wie Sie.“ Die Frage ist nur, ob die Begleiter diese Art von „Power Lunch“ auch zu schätzen wissen. „Das Handy- Gespräch schafft offenbar viel mehr eine innere Sphäre mit dem jeweiligen Telefon-Partner als jede andere Kommunikation“, schreibt etwa Prof. Dr. Volker Faust, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit in seinem Aufsatz „Zur Psychologie der Handy-Manie“. „Das heißt aber auch, dass die Umgebung gleichsam ausgegrenzt wird. Und deshalb reagieren selbst Freunde mitunter empfindlich bis gereizt. Man steht zwar beisammen, fühlt sich aber von diesem Gespräch ausgeschlossen.“ Die vermeintliche Nähe zum Gesprächspartner wird also teuer erkauft, indem derjenige, der gerade tatsächlich anwesend ist, einfach ausgeblendet wird. Wer schon einmal versucht hat, sich mit jemandem zu unterhalten, dessen Handy andauernd klingelt, weiß sicher ein Lied davon zu singen. Fatalerweise scheint die virtuelle Nähe im beruflichen Umfeld mittlerweile geradezu er wartet zu werden - und zwar beinahe rund um die Uhr. Mittlerweile scheint es ganz so, als hätten die Handys der Geschäftswelt ihren eigenen Rhythmus aufgezwungen. Der Trend zur Handy- Mail verstärkt diesen Effekt noch.

„Durch Blackberry, E-Mail und Handy hat sich der Erwartungsdruck auf eine schnelle Reaktion stark er höht“, meint etwa der Bruchsaler Managementberater Dr. Georg Kraus. Habe die Reaktionsgeschwindigkeit bei einem Brief noch bei vier bis fünf Tagen gelegen, so sei diese Spanne bei Faxen auf ein bis zwei Tage geschrumpft. Bei E-Mails gehe man davon aus, dass spätestens am nächsten Tag eine Reaktion erfolge. „Durch Blackberry oder Mailbox des Handys besteht die Erwartung, dass noch am gleichen Tag reagiert wird.“ Die Konsequenz: Wenn jemand den ganzen Tag in einer Besprechung ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als diese Rückrufe und E-Mails abends zu beantworten. In letzter Konsequenz laufe das neben einer Beschneidung der Freizeit auf eine drastische Beschleunigung von Entscheidungsprozessen hinaus. Oft seien sich Manager durchaus bewusst, dass die von ihnen getroffenen Entscheidungen nicht optimal seien, doch es fehle schlicht die Zeit, sie noch einmal zu überdenken. Mittlerweile, so Kraus, sei der so entstandene Druck „fast unerträglich“ geworden. 100 bis 200 Mails am Tag, Werbemails nicht eingerechnet, habe eine Führungskraft zu bewältigen und wende dafür etwa zwei bis drei Stunden ihrer Arbeitszeit auf.

Alle anderen müssen allein klarkommen. Denn ohne Mail geht es einfach nicht mehr. „Die Möglichkeit, E-Mails auf dem Handy zu empfangen, hat viele in die Falle laufen lassen“, erklärt Kraus. „Die dachten, sie könnten das jetzt alles allein bewältigen - eine Aufgabe, die allerdings meist unterschätzt wird.“ 

Immerhin kann man den elektronischen Schriftverkehr jetzt dank Handy-Mail auch im Taxi, am Flughafen oder eben im Restaurant bearbeiten. Aber irgendwie drängt sich einem der Verdacht auf, dass die Mail-Handys sich ihren eigenen Markt geschaffen haben. Nach der Eroberung der Berufswelt schicken sich die E-Mail-Handys nun an, sich auch im privaten Bereich unentbehrlich zu machen. Längst bietet nicht mehr nur Vorreiter RIM so genannte Push-Dienste an, die die elektronische Post ohne Abfrage durch den Nutzer automatisch in den Handyspeicher schieben. Nahezu alle anderen Handy- Hersteller und Mobilfunkanbieter haben mit eigenen Geräten und Push-Diensten nachgezogen.

Und ehrlich gesagt: Es macht ja auch Spaß, im Café Grußmails zu verschicken und mit Freunden online zu chatten. Einige Wissenschaftler sind sogar der Auffassung, dass Handy, E-Mail und SMS zwischenmenschliche Bande stärken. Da das Handy, so behauptet etwa der namhafte US-Psychologe Kenneth Gergen, „tief greifende Beziehungen, den Sinn für Gemeinschaft, Identität und moralische Werte fördert, sollten wir den Gebrauch von Mobiltelefonen begrüßen. Sie nähren die Hoffnung, dass sich traditionelle und psychisch wichtige Kommunikationsformen auch im Zeitalter der Medien halten, bewähren und entwickeln lassen.“

Zwischen Berieselung und Kommunikation

Die Psychologie unterscheidet zwischen „monologischen Medien“ wie Radio und Fernsehen und „dialogischen Medien“, unwissenschaftlich ausgedrückt: zwischen Berieselung und Kommunikation. Ob man sich aber berieseln lässt oder kommuniziert, ist vor allem davon abhängig, wie man eine bestimmte Technik nutzt. Es ist eben keineswegs besonders kommunikativ, wenn man im Café E-Mails schreibt oder im Internet surft, während einem jemand gegenübersitzt - sei es nun die Freundin oder ein Geschäftspartner.

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